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Verlernen wir das Lernen? Warum dieses Podcast-Interview uns alle beschäftigen sollte

  • Autorenbild: Daniel Stöckel
    Daniel Stöckel
  • 17. Okt.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Dez.

Die KI und ihre mögliche Auswirkung auf unser Leben ist aktuell mein Lieblingsthema und wird es noch lange bleiben.


Vieles, womit ich mich momentan beschäftige, betrachte ich durch einen »KI-Filter«. Auch das Thema Lernen und Bildung.


Ich habe zwei Kinder. Mein Sohn wird im kommenden Jahr eingeschult.


Meine Kinder werden vermutlich in einer Zeit aufwachsen, in der uns KI-Systeme in bisher unvorstellbarer Weise Aufgaben abnehmen werden.


Folgende Fragen beschäftigen mich deshalb bereits seit längerem: Welche Bedeutung hat noch die Schule? Weshalb sollten meine Kinder lernen und vor allen Dingen: was? Weshalb sollten sie sich Bildung aneignen?


Auf dem Weg zur Arbeit habe ich das Interview unserer Beirätin Prof. Dr. Birgit Spies mit Dr. Carl Bossard im Podcast »Strandgespräche« gehört (https://www.podcast.de/episode/691023023/11-ueber-den-verlust-an-bildung)


Thema: Über den Verlust an Bildung.


Der renommierte Schweizer Pädagoge und ehemalige Rektor Dr. Carl Bossard bringt jahrzehntelange Bildungs- und Lehrerfahrung mit. In nur 30 Minuten hat er so viele Ansichten und Einsichten geäußert, dass ich ausreichend Denkstoff für mehrere Wochen habe.


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Was ist das Ziel der Schule?

Das Ziel der Schule ist es, Kinder zur Mündigkeit zu führen, zu sich selbst, zur Selbstständigkeit, aus der Abhängigkeit heraus. Sie sollen die Fertigkeiten vermittelt bekommen, die es braucht, um »zum Autor ihres eigenen Lebens«zu werden.


Lernen und Wissen sind dabei jedoch noch nicht Bildung. Bildung ist, gemäß dem deutschen Philosophen Hans Blumenberg, ganz wesentlich: Unverführbarkeit. Oder, ge-mäß der Bildungsphilosophie von Wilhelm von Humboldt: die Kultivierung seines Selbst, das heißt, die umfassende Entwicklung aller menschlichen Fähigkeiten und Anlagen, unter der auch Begriffe wie Herzensbildung und humanistische Bildung fallen.


Dr. Carl Bossard sieht und benennt mehrere große Sündenfälle der jüngeren Zeit:


1. Der Lehrer wurde zum Coach degradiert:


Der Lehrer wurde vom Pädagogen (der das Kind aus seiner »Eigenwelt« in die »Kulturwelt« führt) zum reinen »Materialbereitsteller« an der Seitenlinie. Das Lehren muss wieder die gleiche Bedeutung erhalten wie das Lernen. Guter Unterricht ist ein Tandem aus Lehren und Lernen – ein Sowohl-als-auch aus instruieren (unterrichten) und selbst konstruieren. Guter Unterricht beruht auf diesen zwei Säulen.


2. Ökonomisierung der Schule:


Es gibt Verfügungswissen und Orientierungswissen. Beide sind wichtig. Die Schule konzentriert sich jedoch überwiegend auf das Verfügungswissen, das heißt jenes Wissen, das wir im Alltag anwenden, um im Beruf erfolgreich zu sein. Das kalte Kalkül der Nützlichkeit für unsere Ökonomie diktiert die Lehrpläne.


Das Orientierungswissen, unser ethisch-kulturelles Wissen, geht dabei verloren: das Mitmenschliche, das Humane, das Wissen um die Mitverantwortung für das Gelingen unserer Gesellschaft und der Welt.


Wir wissen nicht mehr um den Wert der Bildung.

3. Digitalisierung der Schule:


Digitale Geräte sind Hilfsmittel, sie können aber Lehrpersonen nicht ersetzen.


Der Mensch ist ein soziales Wesen. Lernen geschieht in einem dualen, dialogischen, auf Beziehung gründenden Prozess. Zutrauen, Vertrauen, Rückkopplung und Ermutigung sind dabei wichtig. Die Humanität kann aus Sicht von Dr. Carl Bossard nicht von einem Algorithmus ersetzt werden.



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Zum Interview/Podcast:

Bild: © Birgit Spies


4. Überfrachtung der Lehrpläne:


Dinge, die im Alltag intensiv angewandt werden, müssen intensiv geübt werden. Üben ist aber aus der Mode gekommen.


Dabei ist Lernen eine Faktorrechnung. Die Formel lautet: »Verstehen (Was wird gelernt?) × Üben × Abrufen/Anwenden«


Wenn nur einer der Faktoren gegen 0 tendiert, ist alles gleich 0. In den Lehrplänen bleibt zu wenig Zeit zum Üben. Mit Blick auf das Zitat eines »Frankfurter Buben«, Johann Wolfgang von Goethe, ist die Überladung der Lehrpläne äußerst kritisch zu sehen: »Eines recht wissen und ausüben, gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen.«


Alarmierende Zahlen:


Das alles bleibt nicht ohne konkrete Auswirkungen. An dieser Stelle soll nur eine Studie genannt werden: 25 % der deutschen Viertklässler erreichen nicht das Mindestniveau im Lesen (IGLU-Studie 2021).


Um den Kreis zu schließen:


Ich habe diese Zusammenfassung nach mehrmaligem Hören des Interviews selbst verfasst (und von ChatGPT überprüfen lassen). Weshalb nicht gleich die komplette »Arbeit« ChatGPT überlassen? Weshalb die Mühe machen? Weshalb die Energie aufwenden? Er schreibt eh besser als ich.


Was bedeuten die Anmerkungen von Dr. Carl Bossard vor dem Hintergrund, dass die KI verspricht, uns künftig das Denken abzunehmen? Was bedeutet es für meine Kinder, wenn wir das Lernen verlernen? Wir nicht mehr um die Bedeutung der Bildung wissen? Wir uns nur noch als Individuen begreifen, mit einer KI als allwissenden, persönlichen Freund und Assistenten, entkoppelt vom Rest der (menschlichen) Gesellschaft?


Was bleibt dann noch von uns?

»Bildung ist Unverführbarkeit«, diese Erkenntnis von Hans Blumenberg ist vermutlich wichtiger denn je, gerade weil wir uns so gerne verführen lassen.

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