Von schlafenden Vokabeln und ungenutzten Gehirnhälften – Lernmythen im Faktencheck
- Katrin Groß

- 4. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Sie, liebe Leserinnen und Leser unseres Newsletters, arbeiten bei Seminaranbietern, in Unternehmen und Verbänden im Bildungsbereich oder organisieren entsprechende Veranstaltungen. Sicher sagen Sie »Lernen macht Spaß!« Mit strahlendem Lächeln und Ausrufezeichen. Wenn ich an meine (lange zurückliegende) Schulzeit denke, wollte ich sicherlich auch mit Spaß französisch Vokabeln lernen. Doch wo ein Wille ist, sollte kein Sofa in der Nähe sein…
Ob »Lernen im Schlaf« funktioniert, habe ich sowohl mit französischer Grammatik als auch mit dem Periodensystem in Chemie getestet. Kurzer Blick ins Buch vor dem Schlafen gehen oder Vokabelkärtchen unters Kopfkissen legen, schlafen und am nächsten Morgen alles abrufen. So richtig erfolgreich war ich nicht. Untersuchungen zeigen zwar, dass lernen kurz vor dem Schlafengehen funktionieren kann.. Allerdings ist der Erfolg im Vergleich zum Lernen, das tagsüber stattfindet, nur sehr gering.

Gerne möchte ich die Schuld für meine nur rudimentären französischen Sprachkenntnisse auf meine Mutter abschieben. Hätte sie mich während der Schwangerschaft mit Chansons beschallt, wäre ich möglicherweise heute frankophil. Die Wissenschaft ist hier beim Thema »Frühförderung in der Schwangerschaft« jedoch zurückhaltend. Zwar beeinflussen gesunde Lebensweise, Ernährung und Stressvermeidung die Entwicklung des Kindes positiv – das steht außer Frage. Aber gezieltes »Lernen im Mutterleib« im Sinne von Frühförderung ist nicht nachweisbar. Babys hören ab einem bestimmten Zeitpunkt zwar Geräusche und reagieren auf Rhythmen, doch das bedeutet nicht, dass sie dabei »lernen« wie ein Erwachsener. Eltern können also beruhigt sein: Liebe, Sicherheit und eine gesunde Umgebung nach der Geburt wirken nachhaltiger als jede »intellektuelle Frühförderung« im Bauch.
Heute könnte ich sagen:
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.«
und lasse das Aneignen von Neuem in meinem Alter lieber ganz bleiben. Diese Redewendung stammt aus einer Zeit, in der Bildung als einmalige Lebensphase galt: Erst kommt die Schule, dann das Berufsleben – und wer da nichts gelernt hat, hat den Anschluss verpasst. Heute wissen wir: Das Gehirn bleibt zeitlebens formbar.
Neurowissenschaftler sprechen von Neuroplastizität – der Fähigkeit des Gehirns, sich ständig zu verändern, neue Verbindungen zu knüpfen und alte zu stärken oder zu lösen. Natürlich lernt ein Kind meist schneller, weil im jungen Gehirn vieles »auf Aufnahme« steht. Aber Erwachsene verfügen über etwas, das Kinder noch nicht haben: Erfahrung, Strategien und Kontextwissen. Sie können Zusammenhänge besser einordnen, Lernmethoden gezielter einsetzen und Motivation bewusster steuern.
Kurz gesagt: Hans kann sehr wohl lernen – nur anders.
Lernen im Erwachsenenalter braucht vielleicht mehr Zeit, aber es ist oft nachhaltiger, weil es auf bewusster Entscheidung und innerer Motivation beruht.

Wie sieht es mit anderen Aussagen aus: »Gehirnjogging macht schlauer«, »Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns« oder »Je größer das Gehirn, desto intelligenter der Mensch«?
Wir nutzen nur 10 % unseres Gehirns.
Dieser Satz taucht seit Jahrzehnten immer wieder auf – in Filmen, Ratgebern und Motivationsseminaren. Die Vorstellung klingt verlockend: Wenn wir nur zehn Prozent nutzen, könnten wir mit den restlichen 90 % Superkräfte entfalten. Leider ist das reine Fiktion.
Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass nahezu alle Bereiche des Gehirns aktiv sind – und zwar je nach Tätigkeit unterschiedlich stark. Dies widerspricht der Theorie, die von einer rationalen linken und kreativen rechten Seite des Gehirns ausgeht. Die rechte Körperhälfte wird von der linken Gehirnseite gesteuert und vice versa. Eine Dominanz der linken Gehirnseite ist bei der Sprache bewiesen. Doch Gehirnmessungen im MRT zeigen, dass bei anderen Denkaufgaben üblicherweise beide Gehirnhälften aktiviert werden. Linkshänder müssen sich also nicht dafür entschuldigen, wenn sie nicht besonders kreativ sind.
Selbst im Schlaf ist das Gehirn weit entfernt von »Ruhe«. Die Idee der »ungenutzten 90 %« stammt vermutlich aus einem Missverständnis früher Forschungen, in denen man nur einen Teil der Gehirnaktivität gleichzeitig messen konnte. Aus Sicht der Evolution wäre es sehr verwunderlich, wenn wir so viel unnützes Gewicht als Energievampir mit uns herumtragen sollten. Heute wissen wir: Das Gehirn arbeitet permanent im Netzwerkmodus. Lernen bedeutet nicht, neue Areale »freizuschalten«, sondern Verbindungen aufzubauen oder diese effizienter zu nutzen.
Gehirnjogging macht schlauer – oder doch nur fitter im Rätsellösen?«
Sudokus, Kreuzworträtsel, Memory-Apps: Der Markt für Gehirnjogging boomt – und mit ihm das Versprechen, man könne seine Intelligenz trainieren wie einen Muskel. Doch die Forschung ist hier eindeutig: Wer regelmäßig Sudoku löst, wird besser im Sudoku – aber nicht automatisch klüger im Alltag.
Das liegt daran, dass sich das Training zumeist auf spezifische Fertigkeiten beschränkt. Die erlernten Strategien lassen sich nur schwer auf andere Aufgaben übertragen. Ähnlich wie beim Sport kann ich durch einen ausgefeilten Trainingsplan im Leichtathletik-Bereich nicht meine Kür am Stufenbarren perfektionieren. (Okay, ich kann weder in der einen noch in der anderen Sparte Großartiges anbieten.)
Allerdings zeigen Studien auch: Geistige Aktivität an sich – ob Lesen, Diskutieren, Musizieren oder Lernen – hält das Gehirn in Bewegung. Entscheidend ist also nicht das Sudoku selbst, sondern die Vielfalt der geistigen Anregung.
Das beste Gehirnjogging ist ein Leben voller Neugier: neue Themen, neue Perspektiven, neue Erfahrungen. Wer ständig dazu lernt, hält sein Gehirn flexibel – und das wirkt nachhaltiger als jede Lern-App.
Je größer das Gehirn, desto intelligenter der Mensch – klingt logisch, stimmt aber nicht
Wie sagt meine liebe Kollegin so gerne: “Überlass das Denken den Pferden, die haben das größere Gehirn!“ Doch die Realität ist komplexer. In Wahrheit sagt die Größe des Gehirns nichts Verlässliches über Intelligenz aus. Entscheidend ist nicht das Volumen, sondern die Vernetzung.
Ein Gehirn mit vielen effizienten Verbindungen zwischen Nervenzellen arbeitet schneller, flexibler und kann Informationen besser kombinieren. Zum Vergleich: Das Gehirn eines Elefanten ist deutlich größer als das eines Menschen – trotzdem schlagen wir ihn in Mathematik, Sprache und Organisation. Auch innerhalb der Menschheit gibt es keine klare Korrelation zwischen Schädelgröße und kognitiver Leistungsfähigkeit.

Nicht die Größe zählt, sondern die Struktur – und die lässt sich durch Lernen beeinflussen. Jedes neue Wissen formt die neuronalen Netze ein Stück weiter aus.
Altersweisheit – Lernen mit Erfahrungsvorsprung
Ein oft übersehener Punkt in der Lernforschung: Mit zunehmendem Alter lernen wir nicht schlechter, sondern anders. Ältere Lernende profitieren von einem reichen Erfahrungsschatz, von gefestigten Strategien und einem besseren Verständnis für Relevanz. Sie lernen selektiver – und das ist kein Nachteil, sondern Effizienz.
Während Kinder und Jugendliche noch alles ausprobieren, fokussieren Erwachsene ihr Lernen auf das, was ihnen wirklich wichtig erscheint. Deshalb ist Weiterbildung im Erwachsenenalter so wertvoll: Sie baut auf Lebenserfahrung auf und verbindet Wissen mit Sinn.
Was wir aus all dem lernen können«
Die gute Nachricht: Lernen ist kein Privileg der Jugend, sondern eine lebenslange Fähigkeit. Das Gehirn bleibt dynamisch – und reagiert auf jede Herausforderung, die wir ihm bieten. Jeder neue Gedanke, jedes Gespräch, jedes Buch verändert unser neuronales Netzwerk ein Stück.
Und zugleich dürfen wir uns von überzogenen Erwartungen befreien: Nicht jedes Rätsel macht klüger, nicht jede frühe Förderung ist notwendig, und Größe sagt nichts über Qualität aus.
Entscheidend ist etwas viel Einfacheres – und Menschlicheres: Neugier. Wer offen bleibt, Fragen stellt, ausprobiert und reflektiert, trainiert sein Gehirn auf die bestmögliche Weise.
Lernen ist kein Mythos, sondern ein Lebensprinzip
Viele Lernmythen beruhen auf dem Wunsch, einfache Antworten auf komplexe Prozesse zu finden. Doch Lernen ist kein Zaubertrick, sondern ein natürlicher, fortwährender Prozess, der uns als Menschen auszeichnet.
Ob jung oder alt, beruflich oder privat: Wer sich traut, Neues zu denken, hält sein Gehirn jung – nicht durch Wundermethoden, sondern durch echte Neugier, Austausch und Freude am Entdecken.
Das ist die schönste Erkenntnis der Lernforschung: Lernen endet nie – es beginnt jeden Tag aufs Neue.
Bilder: mit KI generiert (Gemini 2.5 Flash)



Dieser Beitrag hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht, besonders was das Thema der "schlafenden Vokabeln" angeht. Ich musste das einfach mit jemandem teilen, weil es meine eigenen Erfahrungen so gut auf den Punkt bringt. Ich kann absolut bestätigen, dass das Konzept der schlafenden Vokabeln funktioniert, so wie Sie es beschreiben. Es gibt Momente, da tauchen plötzlich Wörter auf, die ich längst vergessen glaubte, aber sie waren wohl doch irgendwo im Gehirn gespeichert. Es ist faszinierend, wie unser Gehirn mit Wissen umgeht, das wir scheinbar nicht mehr aktiv abrufen können. Könnte es sein, dass diese schlafenden Vokabeln sich noch weiter entwickeln oder vielleicht sogar von selbst wieder auftauchen, wenn der Bedarf da ist? Eine interessante Frage, über die ich weiter nachdenken…
Hallo! Vielen Dank für diesen wirklich aufschlussreichen Beitrag. Ihre Analogie zu den "schlafenden Vokabeln" hat bei mir sofort Anklang gefunden. Ich denke, das ist eine wunderbare Metapher, die weit über das reine Sprachenlernen hinausgeht. Oftmals haben wir Wissen oder Fähigkeiten, die wir aber einfach nicht abrufen können, weil sie eben im "Schlaf" liegen. Es ist, als hätte man ein riesiges Archiv im Kopf, aber der richtige Schlüssel zum Öffnen fehlt gerade. Ich frage mich, ob es nicht sogar eine Art "schlafendes Potenzial" in vielen Bereichen unseres Lebens gibt, das wir einfach noch nicht entdeckt oder aktiviert haben. Ihre Ausführungen regen mich wirklich zum Nachdenken an, wie man dieses Potenzial wecken könnte. Ein Folgeartikel zu diesem Thema wäre fantastisch, denn ich…