• Katrin Groß

Optimierung ist für Prozesse, Innovation für Menschen:

Von starken Pinguinen bis zum Buzzword-Bingo der Personalentwicklung


In den vergangenen Monaten, genau genommen in den letzten beiden Jahren, hat sich mein Fernsehkonsum deutlich erhöht. Dabei haben es auch Filme und Serien auf meinen Bildschirm geschafft, über die ich vorher aufgrund von Alternativen hinweggesehen habe. So schaute ich Ende des vergangenen Jahres die Serie »Stadt der Pinguine«. Ich selbst habe die Brillenpinguine, die Stars dieser Dokumentation, in Boulders Beach in Südafrika besucht. Als ich dort war, befand sich die Kolonie überwiegend in der Mauser.


Dem ersten Eindruck sollte man nicht unbedingt zu viel Bedeutung zumessen. Und die Talente eines Individuums hängen immer mit dem Kontext zusammen, in dem es agiert.

Beim Betrachten der Vögel, die durch die abstehenden Federn ziemlich gerupft aussahen, konnte man schnell auf die Idee kommen, dass es sich hier um recht missliche Gestalten handelte. Während der Mauser sind sie schwimmunfähig, Fliegen ist mit den kleinen Stummelflügeln ohnehin nicht drin. Einige wenige Exemplare, die jedoch schon mit einem frischen Federkleid aufwarten konnten, belehrten mich eines Besseren. Akrobatisch tollkühn sprangen sie vom Felsen ins Wasser und glitten elegant und für ihre kleine Körpergröße wahnsinnig schnell dahin. Warum ich dieses Erlebnis schildere? Weil es zwei Dinge klar macht: Dem ersten Eindruck sollte man nicht unbedingt zu viel Bedeutung zumessen. Und die Talente eines Individuums hängen immer mit dem Kontext zusammen, in dem es agiert. Auch in Südafrika beheimatet ist der Vogel Strauß. Diese Tiere habe ich auf unserer Reise ebenfalls gesehen und im Gespräch mit einer Farmerin sehr viel über diese Tiere gelernt. Zwar sind Strauße was das Fliegen angeht nicht besser dran als die Pinguine, jedoch können sie bis zu 80 km/h schnell laufen. Und diese Geschwindigkeit halten sie, wenn es sein muss, sogar eine Stunde. Kein Training und kein Coaching der Welt würde es fertigbringen, dass der Pinguin, obwohl er der gleichen übergeordneten Gattung wie der Strauß angehört, diese Geschwindigkeit an Land erreichen kann. Umgekehrt wird der Strauß es auch trotz täglichen Trainings im Wasser nie mit dem Pinguin aufnehmen.


Was bedeutet das für uns? Wir sollten uns klar machen, wo unsere Stärken liegen, wo sich eine gewisse Begabung zeigt, auf die wir aufbauen können. Um ein regelmäßiges Üben und Trainieren wird man dennoch nicht herumkommen. Und ob es überhaupt so etwas wie »Naturtalente« gibt, ist fraglich. Wer besonders musikalisch ist oder gut rechnen kann, hat sicherlich eine gewisse Veranlagung, herausragende Leistungen eignet man sich am Ende jedoch durch permanentes Lernen an. Darüber hinaus dürfte es für uns alle Bereiche geben, zu denen uns der Zugang schwerer fällt. Unsere »Schwächen« eben. Wie sinnvoll es sein kann, sich auf diese zu konzentrieren und sie durch Üben zu reduzieren, ist zu überlegen. »Schwächen schwächen« ist das Schlagwort. Doch wäre es nicht besser, die Energie mehr auf das zu richten, was wir können, wo wir Spaß daran haben?


Sie werden nur 60-70 Zentimeter groß, sind aber im Wasser mit 20 km/h doppelt so schnell unterwegs wie der schnellste menschliche Schwimmer: Knapp 1.000 Brutpaare bringen in Boulders Beach in Südafrika ihren Nachwuchs zur Welt.

Der »Megatrend«, der mittlerweile in wohl jeder Personalabteilung angekommen ist, heißt New Work und möchte genau hier ansetzen. Die fortschreitende Digitalisierung bedingt, dass Arbeitsprozesse neu gestaltet werden können, vielleicht sogar müssen. Hinzu kommen die Anforderungen, die junge Menschen an ihren Beruf stellen. Oberste Priorität hat es für die Generation X und Generation Y nicht, auf der beruflichen Karriereleiter möglichst weit nach oben zu gelangen.


Vielmehr wird eine Art »Work-Life-Blending« gewünscht. Beruf- und Privatleben sollen nicht nebeneinander stehen, sondern sich gegenseitig bedingen. Kreativität und Flexibilität greifen ineinander. Eine hierarchische Führung wird als obsolet betrachtet und soll durch Selbstmotivation, Empathie und Vertrauen ersetzt werden. Agiles Arbeiten ist das Modewort in diesem Kontext.


Schlecht ist ein Plan dann, wenn er nicht geändert werden kann.

Sicherlich wissen Sie, dass der Begriff der Agilität seinen Ursprung in der Computer-Branche hat. Vielleicht haben Sie in unserem Februar-Newsletter das Interview mit

unserem OrderIT-Chefentwickler Till Berger gelesen. Den Aufbau des Systems, das uns heute das Arbeiten so viel leichter macht, haben wir vor fast fünfzehn Jahren selbst

in die Hand genommen, weil wir auf dem Markt keine passende Lösung für unsere Anforderungen gefunden haben. Doch bis wir zu dieser Erkenntnis gelangten, haben

wir einige Zeit darauf verwandt, Anbietern unsere Bedarfe zu schildern.


Die Verbindungen auf einer Platine sind festgelegt, und trotzdem ist sie agil in der Durchführung der Rechenoperationen.

Im Anschluss wurden umfangreiche Pflichtenhefte erstellt und als es an das eigentliche Programmieren ging, haben wir einiges wieder verworfen, auch weil es sich nicht wie gewünscht umsetzen ließ. Das Pflichtenheft wurde also überarbeitet und das ganze ging von vorne los. Heute wissen wir, dass die Entwicklung eines so komplexen Systems ein laufender Prozess ist, »working in progress«. Uns wurde klar, dass eine funktionierende Software wichtiger ist, als die umfassende Dokumentation derselben. Und da wären wir bei einem der vier Kriterien, die »Nerds« als Grundlage des agilen Arbeitens definierten.

Weitere Punkte besagen, dass das Individuum wichtiger sei als Prozesse und Werkzeuge, die Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber wichtiger als die Vertragsverhandlung und zu guter Letzt, dass das Reagieren auf Veränderungen wichtiger sei als das Befolgen eines Plans.


Das klingt doch schlüssig, oder? Start-ups haben dieses Denken sehr oft erfolgreich umsetzen können. Die Herausforderung liegt jedoch bei den größeren Unternehmen.

Denn hier stellte (oder stellt?) sich die Lage geradezu konträr dar: Prozesse sind hier essenziell, ebenso wie eine ausführliche Dokumentation derselben. Wer mit dem Aufkommen des Trends des agilen Arbeitens schnell schaltete, konnte die Gelegenheit ergreifen und sich als Coach in den großen Organisationen vorstellen. Um den Anforderungen der neuen Arbeitswelt gerecht zu werden, bietet man jetzt die Ausbildung zum »Scrum-Master« an. Dabei lernt man neue Systematiken, Regeln und Prozesse um endlich agil zu arbeiten! Echt, jetzt?


Selbstverständlich ist das von mir eine überspitzte und nicht ganz ernst gemeinte Darstellung. Und vielleicht liegt es an meinem Geburtsjahr (dem Alter der der Generation

Y oder Z bin ich schon lange entwachsen), dass ich mich bei einigen Floskeln des New Work wie beim Buzzword-Bingo fühle. »Purpose«, also die Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit, muss heute jeder gute Betrieb aufweisen können, um Resonanz auf die Stellenausschreibung zu erhalten. Was denn sonst? Welches Unternehmen sollte Leute beschäftigen, die sinnlos Büroflächen okkupieren? Wenn dem Zweck des Arbeitsplatzes ein so hoher Stellenwert zugeschrieben wird, müsste dann die öffentliche Hand nicht von Bewerbenden überrannt werden? Wo sonst können unmittelbar Lösungen und Unterstützungen für die Bürgerinnen und Bürger gefunden und realisiert werden? Ich hoffe, Sie mussten in letzter Zeit kein Auto zulassen oder den Ausweis verlängern.

Zumindest hier in Frankfurt brauchen Sie dafür sehr viel Zeit und Langmut. Eigentlich verwunderlich, dass die Liste der Stellenanzeigen der Stadt auffällig umfangreich ist. »Purpose« sollte hier direkt erfahrbar sein. Vielleicht schafft es die öffentliche Verwaltung nur nicht, dies besser zu vermarkten?


Es wird nicht darum gehen, alles richtig zu machen, sondern keine Angst davor zu haben, falsch zu liegen.

Die Herausforderung für Unternehmen liegt darin, sowohl neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen als auch ihnen ein Umfeld zu geben, das ihren Bedürfnissen entspricht.


Waren wir es bisher gewohnt, dass die Fachleute ihr Wissen weitergegeben haben, wird es zukünftig wohl mehr darauf ankommen, sich Neues durch Ausprobieren, ja durch Experimentieren zu erschließen.

Der Fachverstand des bereits bestehenden Kollegiums muss dabei gehalten werden, er ist zu wertvoll. Die bekannte Studie von Ostborne und Frey kam 2013 zu dem Schluss, dass 47 % der Arbeitsplätze in den USA durch die digitale Transformation wegfallen würde.

Wir sollten uns mittlerweile mitten in diesem Veränderungsprozess befinden und ob die Größenordnung tatsächlich stimmt, wird sich zeigen. Wer jedoch anpassungsfähig ist, und hier sei insbesondere auch das Feld, auf dem wir uns bewegen, das Lernen genannt, dem sollte das nicht zum Nachteil gereichen. Waren wir es bisher gewohnt, dass die Fachleute ihr Wissen weitergegeben haben, wird es zukünftig wohl mehr darauf ankommen, sich Neues durch Ausprobieren, ja durch Experimentieren zu erschließen. Statt des inkrementellen, also des schrittweisen Verbesserns der gegebenen Situation wird es mehr auf das Schaffen von Neuem ankommen. Nicht immer werden sich Kausalitätsketten kontinuierlich weiterführen lassen. Statt »Lernen durch Wiederholen« wird es darum gehen, iterativ heranzugehen, also den Vorgang permanent weiterzuentwickeln. (Zugegeben, jetzt sind wir tatsächlich auch beim Buzzword-Bingo der modernen Personalentwicklung angekommen.) Es heißt ja so schön, dass wir heute lernen müssten, wie wir lernen, um uns morgen an die Inhalte zu wagen, von denen wir jetzt noch keine Ahnung haben. Führungskräfte sind aufgefordert, hierfür die passenden Lernräume zu schaffen. Auch wenn es heute eher die Regel denn die Ausnahme ist, dass das Personal mit einem Tablet ausgestattet wird, wäre es doch interessant zu erfahren, ob die Beschäftigten dieses tatsächlich zum »Lernen zwischendurch« nutzen. Erfolgt das intrinsisch? Um noch einen Fachbegriff in den Raum zu stellen: Lernökosysteme sollen von Organisationen gestaltet werden. Umgebungen, in denen selbststrukturiert und im abteilungsübergreifenden Austausch gelernt werden kann. Selbst wenn die Kollegen so selbstmotiviert sind, gibt es im Arbeitsalltag die Zeit, um sich mit dem selbstgewählten spannenden Lernfeld auseinanderzusetzten? Wenn ich in der Schlange der Postfiliale stehe, habe ich als Kunde nur eingeschränkt Verständnis dafür, dass nur ein Schalter offen ist, weil die Mitarbeiterin sich mit dem Tablet zum Studium zurückgezogen hat.


Wir sehen, es bleibt spannend. Wer Selbstorganisation und ein gewisses Grundverständnis für digitale Zusammenhänge zu seinen Stärken zählen kann, dürfte für das, was kommen mag, gut gerüstet sein. Da davon auszugehen ist, dass Veränderung und Weiterentwicklung nicht geradlinigen geschehen wird, dürfte eine gehörige Portion Resilienz unabdingbar sein.


Resilienz ist gefragt, wenn es darum geht, eine Idee auch bei Rückschlägen zu bewahren.
Denn der Weg zur Realisierung verläuft in den seltensten Fällen geradlinig.

Denn Rückschläge wird es geben. Auch SpaceX hat im Februar eine ganze Reihe Satelliten seines Starlink-Programms in einem Sonnensturm verloren. Das wird das Unternehmen von Elon Musk dennoch nicht davon abhalten, das Projekt weiter zu verfolgen. Vielleicht ist es nicht schlecht, wenn man sich den Prozess ein wenig wie einen Tanz vorstellt; es darf auch mal ein Schritt zur Seite oder gar zurück gemacht werden. Das passt schon. »Learning Solutions« ist das Schlagwort der arago Consulting. Hier liegen unsere Stärken. Und so individuell, wie die Anforderungen unserer Kundschaft, die bekanntlich in den unterschiedlichsten Branchen zu Hause sind, auch sein mögen, wir können darauf sowohl mit unserer Erfahrung als auch mit der Kreativität unseres Teams und der Freude an Neuem antworten.

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