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  • AutorenbildKatrin Groß

Machen ist wie wollen – nur krasser! Aktionismus als neues Maß aller Dinge

Einen Steinwurf von unseren Büros entfernt fließt die Nidda, ein kleiner Fluss, der im Westen Frankfurts in den Main mündet. Seit nunmehr fast zwei Jahren wird die Brücke, die über das Wasser führt, erneuert. Angeblich soll das Ganze im Herbst abgeschlossen sein. Eine ordentliche Zeitspanne für das eher kleine Bauvorhaben. Wie so vieles dauert es einfach zu lange. Seien es politische Entscheidungen, Unternehmenskonzepte oder die Umsetzung von gesamtgesellschaftlichen Projekten.


EINFACH MAL MACHEN!

möchte man rufen. Nicht immer erst bei allen Beteiligten nach dem Für und Wider anfragen und die persönlichen Befindlichkeiten berücksichtigen. Wenn man eine Party geben will, werden auch nicht alle Gäste nach ihrer Lieblingsmusik gefragt, um dann die Playlist mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner abzuspielen. Da wird einfach aufgelegt und alle haben Spaß. Gegessen wird, was auf dem Buffet angeboten wird. Und das wurde vorab nicht durch eine Stimmabgabe aller Eingeladenen zusammengestellt. »Keine Zeit für Aber« ist der neue Werbeslogan einer Großbank. Hands-on-Mentalität ist gefragt.


Doch funktioniert das tatsächlich? Erst mal loslegen und während des Unterfangens schauen, welche Stellschrauben angezogen werden müssen? Unser Gehirn hat die wunderbare Fähigkeit, Aufbau und Funktion so anzupassen, dass es optimal auf externe Einflüsse und Bedürfnisse reagiert. Neuroplastizität nennt die Neurowissenschaft dieses Attribut. Die Synapsen in unserem Kopf verändern sich physisch, sie wachsen und verbinden sich während eines neuen Lernvorgangs. Jedes Mal, wenn wir den Lerninhalt oder die zu übende Fingerfertigkeit wiederholen, werden die Synapsen weiter verknüpft, die Verbindung wird robuster. Klingt doch so, als würden auch wir, wenn wir Neues angehen, erst einmal starten, um dann mit der Zeit immer besser und schneller zu werden. Doch um mit unserer natürlichen Intelligenz, mit unserem biologischen Computer, dem Gehirn, erfolgreich lernen zu können, braucht es ein paar Voraussetzungen:


Aufmerksamkeit

oder Ein neues Gerät wurde erkannt


Vielleicht sitzen Sie beim Lesen dieses Textes an Ihrem Schreibtisch im Büro. Wenn ich Sie bitte, Ihre Augen zu schließen und sich auf Folgendes zu konzentrieren: Wie fühlt sich die Textur des Bezugs Ihres Sitzes an? Sind Ihre Füße fest mit dem Boden verankert? Spüren Sie Ihre Strümpfe, wo der Schuh drückt und die Beschaffenheit des Fußbodens? Wie ist die Raumluft? All das können Sie registrieren. Wenn Sie wollen. Wenn Sie sich entscheiden, aufmerksam auf die Umgebung zu achten, werden Sie Ihre Umwelt intensiv wahrnehmen. Im Grunde sind wir darauf programmiert, uns nur auf eine Sache zu konzentrieren. Was heute gar nicht so einfach ist. Doch wir können bewusst beschließen, unsere Aufmerksamkeit gezielt auf etwas zu richten. Keine schlechte Entscheidung, wenn wir uns daran machen, etwas Neues zu lernen. Wenn noch die Möglichkeit besteht, sich vor der geistigen Fokussierung körperlich zu betätigen, umso besser. Das steigert die anschließende Konzentrationsfähigkeit.


Hilft wie kaum ein anderes Werkzeug dabei, alles Unwichtige auszublenden und den Fokus nicht zu verlieren: das Mikroskop.

Wachsamkeit

oder Möchten Sie Push-Nachrichten erhalten?


BÄHM! Das soll ein Ausruf sein, der Sie ein wenig erschreckt. Okay, das klappt so leider nicht. Was schade ist, denn die Adrenalinausschüttung unterstützt beim Lernen. Sie aktiviert unseren instinktiven Fight-or-Flight-Mechanismus und macht uns hellwach. Es darf natürlich nicht in Dauerstress ausarten. Auch etwas Sport pusht uns. Wem das nicht so zusagt, dem sei verraten, dass auch das Koffein eines Espressos eine ähnliche Wirkung erzielt. Ein üppiges Essen dagegen macht uns eher schläfrig. Studien zeigen, dass sich unsere Wachsamkeit in einer 90-Minuten-Sequenz periodisch auf- und wieder abbaut. In einer Phase von 10 bis maximal 30 Minuten haben wir die höchste Vigilanz.


Handy weg und los geht’s: Ein wenig Sport hilft unserem Gehirn dabei, erfolgreich lernen zu können.

Schlaf

oder Das System muss neu gestartet werden


Im Schlaf regeneriert sich unser Immunsystem. Emotionen werden eingeordnet und Erlebnisse abgespeichert. Während des Schlafs werden toxische Proteine abgebaut, die mit Demenz in Verbindung gebracht werden. Wir lernen vielleicht nicht im Schlaf, doch sicher ist, dass wir ohne Schlaf nicht in der Lage sind, Gelerntes in unserem Langzeitgedächtnis zu speichern. Angestoßen wird dies durch den Hippocampus, ein Teil des Gehirns, dessen Form an ein Seepferdchen erinnert. Seit den 1950er Jahren unterschied man Gedächtnisleistungen in zwei Arten: Bei dem Auswendiglernen von Vokabeln oder Gedichten wird der Hippocampus direkt einbezogen. Daneben standen die Fertigkeiten, die wir eher unbewusst beherrschen, beispielsweise die Fingerfertigkeiten eines Klavierspielers oder die verinnerlichten Bewegungsabläufe beim Skifahren. Dass Schlaf bei den Hippocampus abhängigen Kompetenzen enorm wichtig ist, war bekannt. Denn während der Ruhephasen werden die auswendig gelernten Gedichtzeilen und französischen Vokabeln vom Kurz- in das Langzeitgedächtnis befördert. Doch auch Techniken, die unabhängig von einer Hippocampus-Beteiligung erlernt wurden, können langfristig nur gespeichert werden, wenn dieser im Schlaf aktiv ist. Wurde er im Versuch chemisch ausgeschaltet, geriet Neues nach zwei bis drei Wochen wieder in Vergessenheit. Um die neue Abschlagtechnik beim Golfen zu verinnerlichen, wird beim Schlaf ebenso auf den Hippocampus als übergeordnete Schaltzentrale zurückgegriffen. Auch wenn dieser beim Erlernen der Bewegung gar nicht involviert war. Während wir wach sind, ist unser Bewusstsein fast ununterbrochen beschäftigt. Erst in der Nachtruhe wird es heruntergefahren und unser Denkapparat hat Kapazitäten frei, um alles so zu organisieren, dass wir langfristig auf unser Wissen zurückgreifen können.


Ein Bild, das direkt für drei Punkte steht: Schlaf, Wiederholung und Pausen. Dieser Herr macht sehr viel richtig und insgesamt auch einen recht zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck.


Wiederholung

oder Runtime error


Übung macht den Meister. Wer ein einziges Mal das Fitnessstudio besucht, wird es nicht mit Bodybuilder-Figur verlassen. Muskelaufbau braucht Zeit. Auch unser Lernmuskel muss permanent gefordert werden. Lernen verbraucht viel Energie. Da wir immer sehr ökonomisch arbeiten, werden wir nicht viel investieren, wenn wir es nur einmalig benötigen. Erst durch die Wiederholung sind wir bereit, mehr hineinzustecken. Dabei ist das Einstudieren in Intervallen mit dazwischenliegenden Pausen effektiver als das Büffeln am Stück. Wann ist die beste Zeit für das Wiederholen? Ganz klar, kurz bevor man den Input vergisst. Denn wenn uns etwas »auf der Zunge liegt«, weiß das Gehirn, ich kann mich erinnern, es ist aber nicht so leicht. Und »nicht einfach« bedeutet, dass mehr Aufwand betrieben werden muss. Durch die tiefere Verarbeitung wird die Erinnerung gefestigt. Es heißt, intelligente Menschen vergessen mehr, da sie das Unwichtige gar nicht erst abspeichern. Wenn Sie also mal wieder nicht wissen, wo Sie Ihren Schlüssel zuletzt abgelegt haben, freuen Sie sich. Vielleicht sind Sie hochintelligent!


Du musst dich verbessern und effizienter werden, lautet die Botschaft.

Pausen

oder Nicht genügend Speicher vorhanden


Neugelerntes ist noch nicht gut verankert. Es braucht Zeit, bis es sich gesetzt hat. Pausen helfen, um dies zu erreichen. Schon eine Unterbrechung von dreißig Sekunden hilft, ein Klavierstück besser zu spielen. Ein kreativer Verstand benötigt Zeit, um zu sortieren und abzulegen. Auch während der Ruhezeit ist das Gehirn nicht abgeschaltet. Die Bereiche, die für Aufmerksamkeit und Wachsamkeit verantwortlich sind, werden etwas heruntergefahren. Die »Ruhestandsnetzwerke« sind dafür umso aktiver. Sie ordnen ein, was in der vorangegangenen Phase mit hoher Konzentration aufgenommen wurde. Pause bedeutet nicht unbedingt, alle Viere auf der Couch auszustrecken. Eine Joggingrunde oder ein Spaziergang eignen sich noch besser, um herunterzukommen. Viele Leistungsträger haben ein anspruchsvolles und zeitintensives Hobby. Das Hineinversinken in etwas völlig anderes ermöglicht es, dass unsere Festplatte aufgeräumt und neu sortiert wird.


Fehler

oder Etwas ist schiefgegangen


Fehler sind ärgerlich. Wenn sie passieren, führt dies oft zu Stress und Verdruss. Doch Fehler passieren, selten werden sie »gemacht«. Denn bewusst stolpern wir nicht über die Unebenheit am Boden. Das geschieht, wenn wir unaufmerksam sind. Wenn wir uns wieder aufrappeln, werden Neuromodulatoren, wie Acetylcholin freigesetzt. Die Aktivität in der Gehirnregion, in der sich die Aufmerksamkeits-Netzwerke befinden, werden aktiviert und fokussiert. »Du musst dich verbessern und effizienter werden«, lautet die Botschaft. So getriggert sind wir bereit, Neues aufzunehmen. Wenn wir nach einem Missgeschick aufgeben, werden wir auch in anderen Situationen mit Fehlern schlechter umgehen können. Denn das Missfallen, das wir bei dem Lapsus empfinden, stößt auch die Motivation an, es beim nächsten Mal besser zu machen. Seien Sie tolerant, sich selbst aber auch den anderen gegenüber.


Fehler sind ärgerlich, dieser ist es aber ganz besonders. Das Motto vor dem nächsten Eisgenuss muss daher lauten: Sinne stärken und »einfach besser werden«!

Während ich dies schreibe, kommt der Sommer langsam zurück und erinnert mich daran, dass vor 120 Jahren ein elfjähriger Amerikaner sein Glas Brause mit einem Rührstäbchen aus Holz auf der Veranda vergessen hatte. Als er am nächsten Morgen nach einer frostigen Nacht nach draußen kam, war das Eis am Stiel geboren. Wer weiß, für was der nächste Fauxpas gut sein kann.


Geduld zählt nicht zu meinen vorrangigen Tugenden. »Warum langsam, wenn es auch schnell geht?«, denke ich eher. Dass mein Aktionismus oft nicht zum Erfolg führt, gehört leider auch zur Wahrheit. Lernen und die Einführung von Neuerungen braucht Zeit. Es ist wichtig, auch die Bedenken und Hinweise der anderen einfließen zu lassen. Gemeinsames Lernen ist ohnehin wesentlich angenehmer als das Büffeln im stillen Kämmerlein. Dass dies erfolgreicher ist, wissen Sie, liebe Kundinnen und Kunden der arago Consulting, ohnehin am besten. Wenn Sie Ideen für Ihre nächste (Lern-) Veranstaltung benötigen, sprechen Sie uns gerne an.



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