• Katrin Groß

Einmal mit Profis arbeiten – oder: Welche Mitarbeiter-Form hätten Sie gerne?

Von Albert Einstein wird sich die folgende Begebenheit berichtet: Er soll seinen Studenten mit einem Jahr Abstand genau dieselben Fragen zur Prüfung vorgelegt haben. Von seinem Assistenten darauf angesprochen antwortete er: »Ja, die Fragen stimmen überein, doch die Antworten haben sich geändert.«


Ob die Geschichte stimmt? Sie scheint zumindest gerade heute äußerst aktuell. Fragen und Probleme, die seit geraumer Zeit bekannt sind, werden jetzt aus einer anderen Perspektive betrachtet. Bisher Etabliertes wird plötzlich in Frage gestellt. Gewissheiten werden über Bord geworfen und vieles muss neu gedacht werden. Wahrscheinlich gab es selten Zeiten, in denen das Leben mit einem langen, ruhigen Fluss verglichen wurde.


Jede Zeit hat und hatte ihre Herausforderungen. Dennoch scheint es, als würden derzeit ein paar mehr Herausforderungen auf eine Antwort warten. Das gilt für große, komplexe Themen und in Konsequenz auch im Unternehmen. Schwer, auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt die hierfür passenden Spezialisten zu finden, die bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben mit anpacken.


Gefragt sind Kopfmenschen, die sich fokussiert der Sache annehmen. Individuen, deren linke Hirnhälfte arbeitet. Dort sitzt bekanntlich die Fähigkeit zum logischen Denken, hier ist die Wissenschaft und die Mathematik zu Hause. Unser Bildungssystem ist vorrangig darauf ausgerichtet, die linke Hirnhälfte anzusprechen. Wer seine Aufmerksamkeit konzentriert auf die zu bewältigende Arbeit richten kann, ist in dieser Organisation erfolgreich. Möchten wir diesen Personen ein Symbol zuweisen böte sich das geradlinige i an.


Unser Gehirn ist zweigeteilt. Links ist die Analytik zuhause, rechts die Kreativität.

I-Personen können mit Interesse über Themen nachdenken, besonnen mit dem Blick auf das Wesentliche. Wir alle tragen diese I-Skills in uns. Inklusive der Neigung zum Tunnelblick. Dieser verleitet uns jedoch nicht immer zu einer praktikablen Arbeitsweise.

Denn trotz Routine und überlegter Taktik stoßen wir regelmäßig auf unerwartete Hindernisse. Eine gängige Vorgehensweise wäre dann, einfach die Anstrengungen zu erhöhen. Also starten wir noch einen Versuch, schließlich hat es bisher so oder zumindest so ähnlich auch geklappt. Ich gehe häufig so vor bei Hürden, die mir die IT hin und wieder stellt. Doch Mehr vom Gleichen ist nicht zwangsläufig zielführend. Auch Weniger, sprich Aufgeben, kann nicht die Lösung sein. Anders, außerhalb unserer »Box« zu denken, das wäre jetzt angebracht. Vor einigen Jahren war ich in Lissabon mit einem Uber unterwegs. Das Auto vor uns im Stau hatte ein langes Rohr zu befördern. Vielleicht für eine Wasser- oder Heizungsleitung. Das Rohr hatte in etwa die Länge des gesamten Fahrzeugs. Während ich versucht hätte, die Sitze umzuklappen, die Röhre quer in den Wagen zu legen, irgendwie zu befestigen und das überstehende Endstück eventuell noch mit einem farbigen Band zu markieren, kam die Fahrerin auf eine viel bessere Idee: Das Gestänge war mit einem Seil an den beiden Türgriffen der Beifahrerseite geknüpft und schaute so weder vorne noch hinten über die Fahrzeuglänge hinaus. »Thinking out of the car!«, kommentierte meine Uber-Fahrerin.


Denken will gelernt sein!


Warum kommen wir oft nicht selbst auf so vermeintlich einfache Gedanken? Nun, Denken ist sehr Energieintensiv. Wesentlich ökonomischer wäre es, auf Autopiloten zu schalten und intuitiv nach bewährter Methode zu agieren. Vielleicht mal kurz ein Geistesblitz und weiter geht es im üblichen Trott. Dabei übersehen wir das eigentlich Offensichtliche. Oder wir bewerten die Situation völlig falsch. Hinzu kommt noch, dass wir auf der Suche nach Hilfestellungen auf die falschen Personen aufmerksam werden. Denn leider zeigt sich häufig, dass die Leute, die am wenigsten von einer Situation verstehen, ihre Meinung am lautstärksten kundtun. Bekannt ist dieses Phänomen unter dem Dunning-Kruger-Effekt. David Dunning und Justin Kruger haben 1999 durch einen Versuch an Studierenden der Cornell Universität anhand von Tests herausgefunden, dass die »Schlechtleister« ihre Arbeitserfolge deutlich überbewerteten, während die Spitzengruppe ihr Können niedriger einschätzte. Was zugegebener Maßen auch nicht ganz unerwartet sein sollte. Denn wer ist so selbstreflektiert, dass das eigene Werk korrekt bewertet werden kann? Wer im mittleren Leistungsbereich daneben liegt, schätzt sich selbst eben etwas besser oder schlechter ein. An den Rändern dagegen gibt es nur eine Richtung, in der die Bewertung falsch sortiert werden kann: bei den »Guten« mit einer etwas geringeren Beurteilung und bei den Personen am unteren Ende der Leistungskurve etwas nach oben versetzt.


Es lohnt sich kritisch zu sein, wenn Ihnen Personen ob ihres vermeintlichen Wissens
zu selbstbewusst erscheinen: Es könnte der Dunning-Kruger-Effekt vorliegen.

Doch wenn wir ehrlich sind, verhalten wir uns in der ein oder anderen Situation genau wie in dem Versuch. Ich bin zumindest regelmäßig davon überzeugt, die bessere Taktik für meinen Lieblings-Fußballverein parat zu haben, als der Trainer. Und wer war sich nicht schon sicher, eine bessere politische Weitsicht zu besitzen als die Regierung. Fast jeder kann aus dem Stehgreif vermeintlich geschicktere Corona-Maßnahmen benennen, als die der gewählten Regierungsmitglieder. Selbstverständlich sind Kritik und Feedback essentiell. Wie soll etwas weiterentwickelt werden, wenn Beratung und Unterstützung abgelehnt wird?


T-förmige Mitarbeiter?


Es bedarf demnach mehr als nur die eigene Fachkompetenz. Mitarbeitende der Personalabteilungen suchen daher gerne nach »T-Shaped People«. Haben wir die I-Personen bereits kennengelernt, kommt hier quasi ein Querbalken hinzu. Während der vertikale Balken für das Spezialwissen steht, könne diese Menschen auch als Generalisten punkten, dargestellt mit der Horizontalen. Sie sind ausgestattet mit einem weitgefächerten Allgemeinwissen, das zum Blick über den eigenen Tellerrand hinaus befähigt.


Beschäftigte, die sowohl ein tiefes Fachwissen mitbringen als auch Weitblick sind begehrt. Die Frage ist nur, reicht das? In der Regel versuchen wir, schnell zu Entscheidungen zu gelangen. Reflektieren und Überdenken ist selbstverständlich gut. Doch ein ewiges Abwägen funktioniert im Alltag nicht. Rasches Denken ist gefragt, nicht tagelanges Grübeln. Um das zu bewerkstelligen, greift unser Gehirn auf gemachte Erfahrungen zurück. Was bisher funktioniert hat, Einschätzungen, mit denen wir in der Vergangenheit richtig lagen, leiten uns beim Auswählen gegenwärtiger Maßnahmen. Leider neigen wir hierbei leicht zu einer kognitiven Verzerrung, auch bekannt unter der englischen Bezeichnung Bias. Das, was uns bekannt vorkommt, was zu unserer eigenen Geschichte passt, wird als wahr vorausgesetzt. Durch intuitives Handeln können wir schneller und parallel arbeiten. 30% aller Informationen, denen wir sekündlich ausgesetzt sind, können so empfangen und verarbeitet werden. Und das ist aus evolutionsbiologischer Sicht immens wichtig. In einer Gefahrensituation muss reagiert werden und nicht rational abgewogen werden, ob das Rascheln im Unterholz neben uns von einem Vogel oder dem Säbelzahntiger kommt. Rational kommen wir bei der Verarbeitung im Gehirn auf einen geradezu winzig erscheinenden Prozentsatz von 0,0001 % aller Informationen, die um uns herumschwirren. Bei dieser Art den Verstand einzusetzen, wird linear ein Thema nach dem anderen begutachtet.


Und noch etwas kommt erschwerend hinzu: Neueste Versuchen zeigen, dass die Zeitspanne, in der wir uns fokussieren können immer weiter zurückgeht. Ja, wir werden sogar immer dümmer! Seit Beginn der Messung der Intelligenz durch den IQ ging dessen Wert stetig nach oben. Wer in den 80er Jahren durchschnittlich intelligent war, wäre mit dieser Gehirnleistung zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein Genie gewesen. Doch in letzter Zeit nimmt der gemessene IQ wieder ab.


Der durchschnittliche IQ liegt bei 100. Ab einem IQ von 130 gelten Sie als hochbegabt. Falls Sie einen Intelligenztest planen, sollten Sie diesen im Alter zwischen 41 und 50 Jahren durchführen lassen. In dieser Altersgruppe ist der durchschnittliche IQ mit 112 am höchsten.

Für den Rückgang des IQ gibt es mehrere Erklärungsversuche. Zum einen werden die vielen chemischen Stoffe, denen wir ausgesetzt sind, als mögliche Ursache in Spiel gebracht. Doch ehe Sie nun auf das verführerisch duftende Duschgel oder das Volumenshampoo für die Haare verzichten, es werden auch noch andere Gründe ins Feld geführt. Wir leben in einer Welt, in der wir ständigen Impulsen ausgesetzt sind. Unsere mobilen Geräte versorgen uns fast minütlich mit neuen Push-Nachrichten. Bei der Fülle, die uns zur Verfügung steht, ist man permanent auf der Suche nach dem noch witzigeren, noch spektakuläreren Klick. TikTok sei exemplarisch hier genannt. Zwar erlaubt der Dienst nun auch 10-minütige Videos, doch die Clips von nur wenigen Sekunden Dauer sind der eigentliche Erfolg der Plattform. Verlieren wir die Fähigkeit, konzentriert bei der Sache zu bleiben?


Im Inneren meines Kopfs ist das logisch – aber andere stehen draußen!


Eine neue Sicht auf die Dinge muss sich durchsetzen. Es braucht Zeit um zu reflektieren, zu bewerten und zu überdenken. Auch die größten Denker tun sich nicht leicht, bisher Vertrautes über Bord zu werfen. Um noch einmal auf Albert Einstein zurückzukommen: auch er als genialer Physiker konnte sich mit den Modellen der Quantenmechanik nicht anfreunden. »Gott würfelt nicht!« lautete sein berühmter Kommentar zu der Theorie, die sich mittlerweile jedoch in einigen Bereichen durch Experimente bestätigen ließ. Das kann man nicht unter dem Begriff »Vorurteil« abtun. Zu begreifen, dass andere die Welt nicht genau so sehen wie wir, und damit vielleicht sogar recht haben, ist nicht so leicht.


Spätestens seit Corona sind wir Kenner des griechischen Alphabets. Auch in der Personaler-Welt hat man die „Buchstaben-Skills« auf weitere Zeichen ausgeweitet. Nun sind auch π (Pi)-Shaped oder Y-Shaped Persons im Gespräch. Wobei π zwei Fachgebiete darstellt, die sich auf weit entfernten Feldern bewegen. Während das Y Kenntnisse in zwei eher verwandten Disziplinen darstellt und ein tiefergehendes Wissen, das die beiden verbindet. Wir könnten mühelos weiterspinnen, welche Buchstaben Pate für welche Fähigkeiten stehen könnten. Es scheint zumindest, als würden lediglich zwei Balken nicht ausreichen, um im beruflichen Umfeld oder auch ganz allgemein zukunftsorientiert und erfolgreich zu sein.


Doch liegt die Ursache dafür, dass Maßnahmen unverständlich erscheinen, nicht selten an mangelnder Kommunikation? Wo nur die eigene Kompetenz ausgespielt wird und der Dialog mit dem Umfeld nicht stattfindet, werden Projekte schwerer zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Für eine effektive Umsetzung bedarf es Menschen, die neben der eigenen Fachkompetenz die Fähigkeit mitbringen, sich Neuem zu öffnen und die nicht zuletzt ein hohes Maß an Empathie besitzen. Um dort hinzugelangen kann es nicht verkehrt sein, sich außerhalb der eigenen Blase Inspiration zu holen und Wissen zu erweitern. Transformation ist aktuell ein recht strapazierter Begriff. Manchmal haben wir keine Wahl, Veränderungen finden sprunghaft statt. Zeit für das Überdenken und die Supervision muss dennoch gefunden werden. Wenn auch Sie sich in Ihrem Bereich der beruflichen (Weiter-) Bildung vor neue Herausforderungen gestellt sehen, sprechen Sie uns gerne an. Wir haben unsere Angebotspalette in den letzten Monaten ausgeweitet um den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Auch zukünftig wollen wir den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus richten, um gemeinsam mit Ihnen spannende Projekte zu realisieren.


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