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Die Kunst der Schriftwahl: Wie Sie die perfekte Schriftart finden!

Interview mit Simone Zipp

Dominic Strong (DS): Simone, Du bist bei unserer arago Consulting für den Bereich Satz & Layout verantwortlich und bringst als Art Directorin, Grafikerin und Mediengestalterin tonnenweise Erfahrung aus Werbeagenturen und internationalen Unternehmen bei uns ein.


Microsoft hat nach mehr als 15 Jahren die Standard-Schriftart »Calibri« durch die neue Schriftart »Aptos« ersetzt. Weshalb?


Simone Zipp (SZ): Microsoft stellte den Nutzern in einer Abstimmung fünf Schriftarten zur Auswahl. »Aptos« konnte sich durchsetzen. Die Gründe für die Auswahl einer neuen Schriftart kann man darin sehen, dass sich unsere Technologie weiterentwickelt hat. »Aptos« ist für hochauflösende Displays mit hoher Dichte geeignet, soll bei kleinen Schriftgrößen und längeren Dokumenten angenehm zu lesen sein und zudem helfen, Missverständnisse zu vermeiden. Jetzt kann das kleine »L« und das große »i« deutlich voneinander unterschieden werden, was Verwechslungen bei Passwörtern oder Seriennummern verhindert.


DS: Wie zufrieden bist Du mit der Wahl von Microsoft?


SZ: Die Unterschiede der Schriften, die zur Auswahl standen, sind subtil. Der Sieger »Aptos« wirkt auf mich durch die klare Linienführung tatsächlich weniger mechanisch als der Vorgänger Calibri. Die Schrift ist vielseitiger, ein bisschen leichter zu lesen und endlich ist Schluss mit den Verwechslungen einiger Zeichen.


Er entwarf die Schriftart mit einer leicht humanistischen Note. Er wollte, dass Aptos die universelle Anziehungskraft des verstorbenen NPR-Nachrich- tensprechers Carl Kasell und den scharfsinnigen Ton des Moderators der Late Show, Stephen Colbert, hat. Steve wollte, dass die Schrift universeller und weniger mechanisch oder institutionell wirkt. Aptos sollte Vertrauen erwecken und ansprechend zu lesen sein.
Zitat stammt nicht von uns, sondern aus dem Design-Blog von Microsoft zu Steve Matteson, dem Designer der neuen Schriftart Aptos


Im direkten Vergleich: die neue Schriftart Aptos und die bisherige Standardschrift Calibri von Microsoft, Bild: https://commons.wikimedia.org/


DS: Wie viele Schriftarten gibt es auf der Welt?

SZ: Das ist eine gute Frage. Ich fürchte, sie ist nicht zu beantworten, da die Anzahl ständig wächst. Wir arbeiten mit der Adobe Fonts Schriftenbibliothek. Allein in der kostenfreien Basisbibliothek befinden sich ca. 1.500 Schriften.


DS: Worauf achtest Du bei der Auswahl einer Schriftart für einen Fließtext, zum Beispiel für eine Weiterbildungsunterlage?


SZ: Mir ist ein entspanntes Lesen des Fließtextes wichtig. Deshalb sollten Texte einen hohen Kontrast zur Hintergrundfarbe aufweisen, mit einer entsprechend hohen Linienstärke. Doch man muss aufpassen, bei zu fett gesetzten Texten kann die Schrift wiederum zu stark zulaufen. Am besten verwendet man eine Schriftart mit dem Schriftschnitt Regular (Normal, Book, Roman, Medium) und eine Groß- und Kleinschreibung, da diese einfacher zu lesen ist. Der obere Bereich der Buchstaben ist für das Lesen wichtiger als der untere. Versalien (d.h. alle Buchstaben sind großgeschrieben) sind verwechselbarer und damit schwerer zu erfassen. Hervorhebungen wie fette und kursive Schriften dürfen nur vereinzelt angewandt werden. Unterstreichungen verringern die Erkennbarkeit der Zeichen und sollten daher idealerweise nur für die Auszeichnung von Links eingesetzt werden.


DS: Diese Punkte erfüllen bei tausenden von Schriftarten vermutlich sehr viele Schriften. Wie gelangst Du zu der passenden Schrift für ein Projekt?


SZ: Häufig wird es mir sehr einfach gemacht. Denn idealerweise ist die Schrift, die ich für ein Layout einsetzen werde, in einem Design Manual des Unternehmens festgelegt. Es geht darum, das Kommunikationsmittel so zu gestalten, dass es über einen hohen Wiedererkennungswert verfügt und sich damit von der breiten Masse abhebt. Der gesamte Corporate Design Prozess inkl. der Festlegung bzw. Entwicklung der Hausschrift für ein Unternehmen (Schriftart, Schriftschnitte, evtl. Farbe und Unterstreichungen) dauert zwar lange, ist aber unverzichtbar, um ein starkes Markenimage zu schaffen. Ein gutes Beispiel sind die Anzeigen von Mercedes Benz. Hier ist es gelungen, dass die für das Unternehmen entwickelte Typografie als wichtiges Wiedererkennungsmerkmal auftritt. Die Anzeigen kommen dadurch häufig ohne Bild und Farbe aus. Trotzdem weiß jeder sofort, um welchen Absender es sich bei der Anzeige handelt.


DS: Wie gehst Du vor, wenn kein Design Manual vorliegt?


Eine passende Schrift auszuwählen, ist nicht so trivial, wie es erscheint. Es gibt kein klares Regelbuch. Vieles im Bereich der Typografie ist Intuition, Gefühl, Erfahrung und Kreativität.«

SZ: Dann gilt der Grundsatz »Form folgt Funktion«. Für welches Thema wird die Schriftart verwendet? Welches Image will ich erzeugen? Soll es z. B. eher seriös, dominant, trendbewusst oder preisgünstig wirken? Eine passende Schrift auszuwählen, ist nicht so trivial, wie es erscheint. Es gibt kein klares Regelbuch. Vieles im Bereich der Typografie ist Intuition, Gefühl, Erfahrung und Kreativität.


DS: Vielfach werden Schriftarten doch auch kombiniert.


SZ: Ja, genau. Hierbei kommt es nicht nur darauf an, ob die Schriftarten zum Thema, zur Zielgruppe und zum Image passen, sondern ob sie auch gut miteinander harmonieren. Bei der Anzahl der Schriftarten gilt die alte Designer-Regel »weniger ist mehr«. Zwei Schriftarten sind vermutlich die Regel. Eine Schriftart sollte über mehrere Schriftschnitte (z.B. bold, regular, kursiv, condensed) verfügen. Der Vorteil ist, dass die verschiedenen Schriftschnitte aufeinander abgestimmt sind. Sie harmonieren, ohne zu krasse Gegensätze in die Gestaltung zu bringen.


Häufig setze ich eine Schriftart für die Überschriften oder besondere typografische Auszeichnungen ein, die andere Schriftart für Fließtexte. Wie erwähnt sollten Fließtexte vor allem gut lesbar sein, während Überschriften auch Akzente setzen dürfen.


Wird mehr als eine Schriftart eingesetzt, sollten diese einen ausreichenden Kontrast zueinander haben. Dafür wird oft der Klassiker Serifen- und Nicht-Serifenschrift kombiniert. Die Serifenschrift sorgt für Aufmerksamkeit und Emotionen, die Nicht-Serifenschrift für Klarheit und gute Lesbarkeit.


DS: Simone, vielen Dank für Deine Hinweise und Deine Zeit. Wenn sich unsere Kunden im Schriftendickicht verirren und einen Ausweg suchen, dürfen Sie sicherlich auf Dich zukommen. Abschließend jedoch noch folgende Frage: Hast Du eine Lieblingsschrift und falls ja, welche ist das und weshalb?


SZ: Ich kann nicht sagen, dass ich eine Lieblingsschrift habe. Mir liegen aber die klassischen serifenlosen Schriften, die durch ihre vielen Schriftschnitte so vielseitig sind, dass ich sie für jede gestalterische Herausforderung verwenden kann.



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